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Deutsch-polnische Jugendbegegnung – Kreisau-Fahrt der Ea (ein Online-Tagebuch)

Von Lübeck nach Krzyżowa, Kreisau in Schlesien

Wo kommen wir her, wo liegen unsere Wurzeln? Rein geographisch! Schleswig oder Schlesien – alles egal, alles gleichgültig?
Die Antwort vorweg: natürlich ist das egal und natürlich ist das nicht egal!
Egal ist es, weil Jugendliche hier wir da ähnliche Erfahrungen machen in Familie und Schule, weil sie, gleich alt, ähnliche Wünsche und Hoffnungen teilen und ähnliche Vorlieben und Abneigungen.
Nicht egal ist es, weil alle den „Rucksack der Geschichte“ mit sich tragen, oft, ohne zu wissen, was sich in diesem Rucksack im Fach für Familiengeschichte so alles verbirgt. „My history, your history“ ist darum das Motto der polnisch-deutschen Begegnungsstätte auf dem ehemaligen Gutshof der Familie von Moltke in Kreisau, wo sich Hitler-Gegner in den 1940er Jahren trafen, um Pläne für ein besseres Deutschland zu entwickeln. Jetzt wird hier am gemeinsamen europäischen Haus gebaut, indem Jugendliche aus Polen und Deutschland gemeinsam ihre eigenen und die gemeinsamen Wurzeln suchen und sich selbst und die anderen auf diese Weise besser kennen lernen.

 

Samstag, 16. Februar 2019 (Anreisetag)

 

Die Ea des Katharineums rollt im Reisebus vom Busparkplatz an der Musik und Kongresshalle. Eben noch haben sich die Jugendlichen von ihren Eltern verabschiedet und sich gegenseitig herzlich begrüßt. Vom anderen Ufer der Trave her scheint die Marienkirche die lebendige Gruppe in unendlicher Ruhe zu betrachten und Ihrerseits als Zeugin der Vergangenheit und der Gegenwart ihren Segen zu geben zu dieser Reise.

Der freundliche Busfahrer kurbelt das Lenkrad nach links und rechts – warum eigentlich kann keiner unter uns wirklich Polnisch? Warum können wir uns mit ihm kaum verständigen, wir Europäer? Warum begrüßen wir unseren Chauffeur so sprachlos?

Der Himmel lacht, wir verlassen schon bald das Lauenburgische, fahren durch Landschaften, die sich kaum und doch stetig wandeln. Mecklenburg, Brandenburg, an Berlin vorbei, Sachsen und angeblich sind wir schon in Niederschlesien, als wir auf einer unscheinbaren Brücke die Neiße überqueren. Selten hat man einen so bedeutungsschweren Namen gehört – „Oder-Neiße-Linie“ – der so unglaublich unprätentiös durch die Wirklichkeit aufgewogen wird. Ein kleines Gewässerchen, eine einfache Brücke. Mehr nicht.

Und dann das, was uns in Europa noch trennt: die Sprache. Kein Wort können wir verstehen, und sogar das Lesen macht einen ratlos. Konsonanzhaufen, wie es uns scheint, in die ungewohnte Zischlaute eingemischt sind. Auf jeden Fall völlig unverständlich. Wie ärgerlich! Warum lernen wir nicht die Sprachen unserer Nachbarn? Wie sollen wir sie da verstehen?

Es zieht sich hin. Die Sonne, die heute früh einen so schönen Tagesanfang beschert hatte, hat den ganzen Tag geschienen. Bald geht sie unter, bald sind wir am Ziel.

Die Autobahn haben wir hinter uns gelassen, finden uns in einer schönen Landschaft, durchqueren Städte, die Vergangenes und Moderne manchmal etwas unschön miteinander verbinden – also fast alles wie zu Hause.

Dann werden die Straßen immer kleiner, und dann lieben ein paar kleine Häuschen in einem flachen Tal, Wirtschaftsgebäude und dann ein ‚Kasten‘, ein vielleicht spätbarockes, veritables Schloss eingebaut in ehemalig landwirtschaftliche Wirtschaftsgebäude, Stallungen vielleicht, oder Wohnungen.

Der Bus kommt zum Stehen, wir gehen zum Eingang und werden herzlich willkommen geheißen.

Abendessen,  „Welcome“ um 20 Uhr – wir sind gespannt.

Nachtrag vom ersten Tag (22:48 Uhr):

 

Das nächtliche Schloss ist schön, beeindruckend und gibt und das Gefühl, nicht weit weg zu sein: die gemeinsame Kultur ist die sichere Brücke, die uns verbindet, wie ihre kleine Schwester die Verbindung über die Neiße schafft.

Und dann geht’s schon los: die erste gemeinsame Abendrunde. Und die Sprache? Englisch! Etwas unsicher, deutliche Akzente hier und da, sicher auch fehlerhaft, aber: warum soll nicht fehlerhaftes Englisch mit starken Akzenten uns zur Verständigung dienen? Was sollte daran schlecht sein? Also: schlechtes Englisch ist gut! Jedenfalls besser, als sich  nicht zu verständigen.

Spiel, Spaß, Aktion und schon – so sagt meine polnische Kollegin Martha – „the integration is already working“ und ich weiß zweierlei: sie hat recht und unsere Mühe hat sich gelohnt. Schon heute Abend!

Botschaft am Ende: Frühstück acht bis neun, dann geht’s um halb zehn weiter. Mal sehen, mal hören …

Und hoffen, dass die Integration in der Nacht nicht so sehr „working is“ – ich wünsche mir nämlich einfach Schlaf nach dem langen Tag.

Sonntag, 17. Februar (2. Tag)

8.00 Uhr

Frühstück „Morgenmuffel meets glückliche Rampensau“: Wortkarge treffen auf gutgelaunte Gerne-Redner hier wie da.

Kaffee, Tee, Wasser, Brot, Butter, Aufschnitt … gesucht und gefunden. Man isst, wird langsam wach und wacher. Ansage 9.30 Eröffnungsrunde am Morgen.

9.38 Uhr

Das alte Gutsgeviert von Kreisau ist weiträumig, ein nicht-rechtwinkliges Karrée, wir stehen auf einem Rasen im Kreis und es herrscht Frühling, der Himmel ist blau. Als wir zum „warm-up“ länger in der Sonne stehen, muss ich meinen dunklen Pullover ausziehen, weil es zu warm wird.

Die Teamer tun ihr Handwerk, sie leiten an und es kommt genau die Stimmung auf, die es braucht, um die Gruppen von Jugendlichen aus zwei Ländern wirklich füreinander zu öffnen: es wird gespielt, es werden Namen gelernt und es wird viel gelacht.

Als die erste Pause angesagt wird, sind die ersten Kontakte entstanden – schlechtes Englisch inklusive – die hier der Sinn der Sache sind.

Pause bis 11.15 Uhr „Dann geht’s weiter“

11.19 Uhr

Der Ausblick auf’s „Eingemachte“: die Workshops werden vorgestellt.

  • Kalter Krieg
  • ‚HateSpeach‘ und Propaganda in Vergangenheit und Gegenwart,
  • EU, Polen und Deutschland in der EU,
  • Das Leben von Menschen im Kommunismus, Solidarität und Widerstand
  • Flucht, Vertreibung und Migration zwischen Polen und Deutschen

Alles klingt für mich als begleitenden Pädagogen aussergewöhnlich interessant; das hat nur einen, wahrscheinlich mehrere Schönheitsfehler: ich bin kein Schüler, mich trennt von den Jugendlichen nahezu vierzig Jahre und ich bin ‚bildungstechnisch vorbelastet‘. Jetzt hoffe ich, dass die Jugendlichen das Angebot annehmen und sich den einzelnen Aspekten interessiert widmen.

Jetzt – noch was:

Die Jugendlichen stellen sich gegenseitig ihre Schule und ihre Stadt vor.

Das Robert-Schuman-Gymnasium, Warschau und das Katharineum zu Lübeck. Es herrscht Stille und wirkliches Interesse. Man hört sich gegenseitig zu: eine Jugendliche aus Warschau zeigt Bilder auf dem Wege einer Präsentation.

Alle sind eingeladen, eine ‚Polonaise‘ zu tanzen. Und das hat NICHTS zu tun, mit dem blödsinnigen Party-Ringelpietz, den wir damit verbinden. Ein polnischer Volkstanz soll es werden, an dem alle teilnehmen, ein einfacher Schreit-Tanz, aber wirkungsvoll und von schöner Musik begleitet. Ich bin wirklich etwas gerührt.

Meine Schüler stellen Lübeck und das Katharineum vor: sie erklären, zeigen Bilder (hoch lebe der Beamer!) und machen ihre Sache wirklich gut. Es ist so angenehm, dass ich mich mit der Präsentation meiner Jugendlichen so einfach identifizieren kann.

Neue Aufgaben … ich warte ab.

Fragen sollen sie klären, in Gruppen. ‚Wichtige‘ und ‚unwichtige‘: Warum treffen wir uns ausgerechnet Kreisau? Wer hat in diesen Tagen Geburtstag? Welche Gruppe schreibt einen Song? Arrangiert ein Foto aller Teilnehmerinnen und Teilnehmer am Denkmal für die Teilung Europas – ein Stück der Berliner Mauer hier auf dem Gelände!

Ich kann nicht unterscheiden zwischen Spaß- und Arbeitsaktion: der Enthusiasmus ist überall erkennbar.

Mittagspause in der Sonne.

15.06 Uhr

Wer kommt woher? Wer weiß, wo Eltern und Großeltern geboren sind?

Die Aufstellung, die folgt, ist dem geübten Beobachter bekannt: alle ordnen sich auf einer fiktiven Europakarte ein und geben Auskunft. Und ich staune über die Buntheit, die sich bietet. Und wir staunen, wie wenige der anwesenden Jugendlichen dort wohnen, von wo schon ihre Eltern und Großeltern stammen. Die Aussage ist politisch, natürlich! Denn zwischen Kasachstan und Lissabon, zwischen Finnland und Sizilien ist vieles dabei: Migration ist Wurzel und Gegenwart unserer Gesellschaft.

Und noch eine Erkenntnis kommt: wir gehen täglich miteinander um und wissen wenig voneinander. Erinnert sich noch jemand an den oben zitierten „Rucksack“? Die hier repräsentierten „Rucksäcke“ sind wirklich divers!

In Vorbereitung auf diese Tage sollten die Jugendliche in ihrer eigenen Familiengeschichte forschen. Sie sollten Eltern, Großeltern, Tanten befragen nach prägenden Ereignissen in den Biographien. Sie sollten im Gespräch fragen, wie diese Ereignisse die einzelnen Lebenswege beeinflusst haben.

Jetzt sollen sie einander von den Ergebnissen dieser Befragungen in ihren Gruppen berichten. Was kommt dabei heraus?

15.32 Uhr

Eines ist sicher: eine „Schlussstrichdebatte“, wie sie immer wieder durch die Öffentlichkeit geistert wird mit diesen Jugendlichen schwer zu führen sein! Denn sie haben offensichtlich in Befragungen von „Zeitzeugen“ ihrer Familienmitglieder gemerkt, wie gegenwärtig die Vergangenheit für die „Alten“ ist. Dieses Gewicht können die Heranwachsenden offensichtlich ermessen und sie tauschen sich darüber aus.

Schlussstrich – nie wieder über die schweren Kapitel der Vergangenheit sprechen? Das kommt nach dem, was sie heute voneinander gehört haben sicher nicht in Frage. Wir haben jetzt eher neue Anwälte für die Position der „Fortwährenden Gegenwart der Vergangenheit“.

18.30 Uhr

Abendessen und zum Ausklang Spiel, Spiel, Spiel. Der Ball ist allgegenwärtig in den Pausen und am Abend in der Halle.

Ein Jugendtreffen, wie man es sich wünscht. Eigentlich und wirklich.

Ansage für morgen: Frühstück 8 bis 9, erste Versammlung 9.30 Uhr.

Angesetzt ist eine Führung durch das Schloss und ich vermute auch durch die Freiluftausstellung. Ich ahne, was uns erwartet und freue mich darauf.

Die Nacht scheint ruhig zu werden, denn etliche waren früh im Bett. Wie schön!

Montag, 18. Februar (3. Tag)

8.00 Frühstück

Ich bin allein, aber nicht für lange. Erstaunlich früh kommen die ersten Jugendlichen,  nicht etwa aus dem Bett oder unter der Dusche hervor, sondern vom ersten Morgenausflug. Jogging und Fotos machen vom Sonnenaufgang war das Vorhaben. Und die Bilder sind wirklich schön!

Und dann kommen die, die noch nicht draußen waren und die Morgensonnen scheint in den Speisesaal. Früher fraßen hier übrigens die Kühe. Heute … Nein! So nicht! Das Benehmen der jugendlichen Gäste ist gut. Ehrlich!

9.30 Uhr

Polnische und deutsche Jugendliche erhalten jetzt getrennt eine Führung über das Gelände. Muttersprachlich sollte es jetzt sein, denn es geht um Dinge, die sich doch besser und differenzierter auf diesem Wege vermitteln und besprechen lassen.

Wir erfahren etwas über Helmut von Moltke, den Feldherrn unter den Hohenzollern und ersten Besitzer von Gut und Schloss Kreisau. Dieser von Moltke ist der Namensgeber von Moltkestraße und Moltkeplatz in Lübeck und in vielen anderen deutschen Städten. Er hat für Wilhelm I. erfolgreich die sogenannten „Einigungskriege“ zwischen 1864 und 1871 geführt und gewonnen, was dann die Voraussetzung war für die Deutsche Reichsgründung von 1871.

Und wir treffen auf Lübeck in Kreisau: Die Familie von Moltke hat im frühen 19. Jahrhundert in Lübeck gelebt und ein kolossales Gemälde im Treppenhaus des Schlosses zeigt zwei Bilder, die für das deutsche Selbstverständnis unter den Hohenzollern maßgeblich sind: die Einnahme Lübecks durch die Franzosen 1806 und die Einnahme von Paris durch von Moltke 1870. Beide Bilder stehen einander gegenüber: „Schande und Vergeltung“ soll ihr Titel sein und wir erkennen sofort und überrascht auf dem einen der Bilder die Innenansicht des Burgtores, durch das französische Soldaten nach der entscheidenden Schlacht auf dem Burgfeld plündernd in die Stadt einziehen. „Schande!“

Schande?

Gegenüber sieht man Helmut Graf von Moltke, der, ‚hoch zu Roß‘ als preußisch-deutscher Feldherr durch das besiegte Paris auf die Place d’étoile und den Arc de Triomphe in Paris zureitet um dort den Triumph über die französische Niederlage 1870 symbolisch zu begehen. „Vergeltung!“

Vergeltung?

Warum hat man diese Bilder restauriert? Warum muss man dieses Zeugnis der so empfundenen Verletzung und Wiederherstellung der ‚deutschen militärischen Ehre‘ erhalten.

Weil wir uns davon distanzieren, weil man zeigen muss, wohin verqueres Denken und falsche Ideale führe. Jedenfalls sicher nicht zu Frieden und Gerechtigkeit!

Wir stehen hier vor dem Kontrastprogramm zu dem, was wir heute als richtig erkannt zu haben glauben: es soll nie wieder um „Schande“ und „Vergeltung“ gehen. Daran arbeiten wir.

Und es geht weiter ins sogenannte „Berghaus“. Dem Großneffen des Feldherrn und seiner Frau, den Eigentümern des Anwesens in zweiter Generation. Freya Gräfin und Helmut James Graf von Moltke war das Schloss nicht komfortabel genug für ein modernes Leben und sie zogen in ein, wir würden heute sagen, Einfamilienhaus, das für eine Familie mit vier Kindern auch heute noch von der Größe her sinnvoll und möglich erscheint. Fünf bis zehn Gehminuten entfernt vom Schloss betreten wir das Berghaus und lernen etwas über den „Kreisauer Kreis“: Vertreter aus Politik, Bürgertum und den Kirchen entwickelten hier und auch bei wenigen Treffen in Berlin in den Jahren bis 1944 einen Plan für ein Deutschland nach und ohne Hitler und den Nationalsozialismus. Wir erfahren etwas über die hier entstandenen Konzepte und ihre Modernität, gemessen an heutigen Maßstäben.

„Wir müssen sterben, weil wir zusammen gedacht haben“ sagt Helmut James Graf von Moltke im letzten Brief an seine Frau Freya kurz vor seiner Hinrichtung im Januar 1945.

Und bei aller Information bleiben auch unbeantwortete Fragen: ist es wirklich vorstellbar, dass Freya von Moltke als studierte und promovierte Juristin gemeinsam mit den anderen Ehefrauen der Widerständler, z.B. mit Clarita von Trott nur Tee gekocht und haben sich die Ehefrauen an den Gesprächen im Kreis nicht beteiligte? Oder muss das nicht doch vielmehr eine Fehlinterpretation sein? Entfalten hier die Vorurteile der Nazis – die Männer sind die ‚Köpfe‘ der Bewegung, die Frauen sind ‚nur im Haus‘ hier ihre Langzeitwirkung?

Freya von Moltke hat jedenfalls bis zu ihrem Lebensende im Jahr 2010 sehr wohl dem Bild einer profilierten, selbstbestimmten Persönlichkeit entsprochen.

Gut, dass wir Fragen stellen!

Gleich ist Mittagessen und dann Pause. Das ist willkommen.

Und immer wieder Sport

13.27 Uhr

Immer noch scheint die Sonne von einem blauen Himmel und wir alle genießen den Vorfrühling im Freien: viele liegen in Gruppen auf dem Rasen im großen Innenhof des Gutes und es wird gespielt. Um drei Uhr wird es weiter gehen.

14.58Uhr

Keiner mehr da: nicht hektisch, aber zügig musste noch dies und das erledigt werden (die Frisur gerichtet ?) und es geht ‚an die Arbeit‘ in die Workshops: Kalter Krieg, EU-Geschichte, Propaganda, Flucht, Vertreibung, Migration, wie oben schon genannt. ‚Dicke Bretter‘ denke ich; und dann: heißt ja auch „Workshop“, eben nicht „Infotainment“.

Ich bleibe draußen, will und soll die 15-, 16-, 17-Jährigen bei der Arbeit nicht stören. Und was ich später höre, damit bin ich einverstanden und sogar sehr zufrieden. Wer hört nicht gerne positive, schmeichelhafte Urteile über das Engagement und die Aufgeschlossenheit der eigenen Schüler. (Der Erfolg hat viele Väter! Der Mißerfolg ist eine Waise!)

Natürlich ist es anspruchsvoll, was hier verlangt wird. Aber warum sollen wir die, bei denen es möglich ist, nicht fordern. Sie genießen die Tage: die Sonne, die Gemeinschaft und das Angebot an Bildung.

17.12 Uhr

Als wir beim gegenseitigen Kennenlernen in die Polonaise eingeführt worden waren, standen wir anschließend ‚mit leeren Händen‘ da. Was können wir bieten im Sinne eines kulturellen „Gegengeschenkes“?

Ich nehme meinen Optimismus und meine Erfahrungen zusammen, suche, was wir singen könnten und ich bitte „Meine“ nach dem Abendessen in unseren Saal zur Probe. 30 bis 40 Minuten will ich mit ihnen singen, damit wir unsererseits einen kleinen, der Tradition verpflichteten Impuls geben können.

19.14 Uhr

Ich habe die Stühle im Kreis aufgestellt, jeweils ein Notenblatt daraufgelegt und warte auf die Ea des Katharineums. Sie enttäuschen mich nicht: alle sind ‚pünktlich‘ (über die sechs Minuten spreche ich nicht!) da.

Ein Kanon, amerikanisch (Any time you need a calypso …) schleppt sich anfangs erstaunlich träge durch die Reihe; mir fehlt der Einsatz, etwas mehr Spannung, bitte, etwas deutlicher Aussprache! Das geht jetzt schon bestimmt sechs Minuten so und ich sehe meine Felle schwimmen. „When do we hear your concert?“ war die Frage; oh, ist mir schlecht! „Concert“ – oh weih! Wir sind doch noch gar nicht beim Brahms.

Augen zu und durch. „Und jetzt habe ich noch eine Volksliedvertonung von Brahms.“ Geduldig und freundlich fangen sie an, meine Schülerinnen und Schüler, MEINE Klasse. „Erlaube mir, fein’s Mädchen, in den Garten zu geh’n …“ Und: es geht! Ja!! Freude bei der Lehrkraft!!! Und ENTSPANNUNG …

Melodie, Bass, Alt, sogar der Tenor – der übrigens wirklich gut und besonders schnell. Es entsteht das, was ich mir gewünscht habe, klar, deutlich und sogar sauber. Was’n Glück!

Einen zweiten Kanon haben wir noch. Auf der Busreise habe ich ihn gelernt „Early in the morning …“ und wir wollen ihn später mit unseren polnischen Partnern gemeinsam singen.

20.30 Uhr

Viele sind gekommen, wir singen, es wird freundlich applaudiert und sogar kräftig mitgesungen. Und auch wir haben damit unseren kleinen kulturellen Impuls gesetzt.

Der Abend wird LAAAUUUTER MUSIK und Tanz, Sport und Freizeit gewidmet. Die Heranwachsenden leben gern und zeigen dies.

Wir Lehrerinnen und Lehrer sitzen noch lange mit der Chefin unseres Begegnungsprojektes, mit Agnieszka und haben viele interessante Themen für einen kurzweiligen ‚Feierabend‘. (Einer von uns immer wieder in der Sporthalle oder im ‚Tanzsaal‘; die berufliche Verpflichtung endet nicht und die Aufsichten müssen gewährleistet sein)

Am späten, sehr späten Abend, als ich auf dem Weg ins Bett den letzten Schülerinnen begegne, hoffend auf eine ruhige Nacht, habe ich den Eindruck, ich brauche mir keine Sorgen zu machen.

Gute Nacht. Frühstück von 8 bis 9, mal sehen.

Dienstag, 19. Februar (4. Tag)

 

8 Uhr – Frühstück

9.30 Uhr – Versammlung

Alles muss auf den Tisch! Kennt sich jemand mit Konfliktlösung aus? Nichts sollte verschwiegen bleiben, weder Ereignisse, Tatsachen noch Vorurteile.

„Was ist eine hübsche Frau in Deutschland? – Das muss eine Touristin sein!“ Ja … das verstehen wir nicht gleich … ein Witz in Polen … aha!

„Kaum gestohlen, schon in Polen!“ Braucht keine Erklärung.

Aber haben unsere Jugendliche Konflikte miteinander? Sie gehen doch so vorbehaltlos miteinander um! Machen wir uns nichts vor: Vorurteile liegen in der Luft. Überall. Und sie werden von Generation von Generation vielleicht verändert, aber gerne weitergegeben.

Also kommen sie auf den Tisch und werden bearbeitet. Nicht ganz einfach, kostet Kraft, ist aber wohl produktiv.

11.30 Uhr – Nächster Block, wieder kleine Arbeitsgruppen

Bildung! Vertiefte Bildung! Intensive Auseinandersetzung mit sozialen und politischen Fragen:

Es wird weiter gearbeitet in Arbeitsgruppen, die Themen sind anspruchsvoll, die gebotenen Informationen sind komplex.

Und es wird gearbeitet an Argumentationen, an der Technik der Argumentation und auch an der Herangehensweise an komplexe Fragestellungen.

Ich frage mich, was wir von diesen Jugendlichen alles verlangen können. Sind die Aufgaben angemessen? Übersteigen sie nicht ihr Fassungsvermögen?

„Sollte Marihuana legalisiert werden?“

„Sollten Universitätsbildung kostenlos allen zur Verfügung stehen?“

„Ist eine Welt ohne Grenzen besser?“

Ich habe die Gelegenheit genutzt und bin für zwei Stunden nach Świdnica-Schweidnitz gefahren und habe mich wiedergefunden in einer bunten, polnischen Kleinstadt mit vielem, was ich erwartet habe und etlichen Überraschungen.

Eine gotische Domkirche in der Mitte, ein barocker Komplex für den Bischof ist angebaut; viele Gebäudekomplexe an großen Straßen, um die Jahrhundertwende errichtet; die westfälisch anmutende evangelisch-lutherische Friedenskirche, die nach 1650 als schwarz-weißer Fachwerkbau errichtet wurde; barocke Bauten und Brunnen verleihen der Stadt das Gesicht und einen deutlich böhmischen Einschlag. Und über allem liegt in weiten Teilen einerseits ein grauer Schleier der dringenden Renovierungsbedürftigkeit und es sind ständig Bauarbeiten sichtbar: es wird neugebaut und Instand gehalten.

Was mich nicht überrascht: ich bin in Zentraleuropa! Hier ist die Erkenntnis vielleicht offenkundiger, als wenn ich mich in Lissabon oder Palermo aufhielte. Aber es braucht immer wieder die Gewissheit, dass es so ist: Polen und Deutschland verbindet mehr, als es trennt; sowohl in der Vergangenheit, als auch in der Gegenwart.

15.00 Uhr

Wir behandeln die Heranwachsende wie Erwachsene, denn bei nahezu allen Fragestellungen sind sie konfrontiert, zumindest am Rande, mit Dilemma-Situationen, die sich nicht lösen lassen, ohne dass wesentliche Rechte eingeschränkt werden.

Zwar wird zunächst in kleinen Gruppen in Phasen von 90 bis 120 Minuten gearbeitet. Doch auch in der Gesamtgruppe treffen sie zusammen. Und mit einer unfassbaren Geduld sitzen sie, nehmen an und bearbeiten Aufgaben, äußern sich, hören zu.

Und ich erkenne wieder einmal, wie wichtig und verdient die Pausen sind, die hier eingelegt werden.

Kaffee, Kekse, Wasser, Zeit zum Quasseln, Quatschen, Spielen: und jetzt ist es gleich wieder so weit.

18.30 Uhr Abendessen

Zeit für einen Gedankenaustausch: macht die Arbeit eigentlich Spaß? „Ja, überwiegend.“ Und „Man kriegt hier so viel geboten und ich verstehe nicht, dass nicht alle mitmachen.“ Aha. „Na ja, sie meinen, sie sprechen schlechter Englisch und darum sagen sie lieber nichts.“ Einzelmeinung, aber ernst zu nehmen. „Aber xy macht doch auch super mit.“ Natürlich.

Was will ich? Die Perspektive auf den Ertrag legen, also das Positive sehen. Das, was sich ändern müsste, wird später besprochen.

Insgesamt: sehr guter Dinge sind sie, aber müde!

„Wir konnten am Ende nicht mehr. Wir hätten mal zwischendurch mehr Zeit zum Rennen oder Fußballspielen haben müssen.“ Habt Ihr doch! „Ja, aber jetzt waren wir einfach müde und hatten doch noch so Kraft.“ Ich weiß.

„Können wir heute Abend irgendwo Fußball sehen?“ Ja natürlich! Wir organisieren das. „Wir würden gerne Musik haben in der Sporthalle zum Tanzen. Können wir die Anlage haben?“ Ja, wir kümmern uns darum. Das wird klappen.

Und wieder werden wir einen langen Abend haben. Und wieder denke ich an meine polnische Kollegin „Integration is already working.“

Frühstück morgen um 8 Uhr. Mal sehen, wie’s gewesen sein wird.

 

Mittwoch, 20. Februar (5. Tag)

 

8 Uhr Frühstück

Ein Tag, wie jeder andere – kein Tag, wie jeder andere

Der Saal füllt sich, ich habe meinen Kaffee und bald habe ich auch unterhaltsame Gesellschaft: LETZTER ARBEITSTAG in den Arbeitsgruppen! Heute soll alles fertig werden, was erarbeitet wurde und es soll in eine präsentable Form kommen, dass in einem Vortrag davon berichtet werden kann.

Der Leistungsdruck mischt sich mit einem deutlichen Ehrgeiz, auch wirklich etwas Vorzeigbares zu bieten zu haben.

„Wir haben etwas gebummelt“, sagt einer. „Gebummelt“ – wunderbare Wortleiche, die ihre Wiederauferstehung am Kaffeetisch in Kreisau feiert. „Wir werden keine Mittagspause haben“ erfahre ich weiter. Aha, des Wortes zweite Bedeutung: es geht nicht um die alte Formel für einen vergnüglichen Einkauf, sondern um das sinnlos langsame Verprassen vorhandener Zeitreserven. Da muss man dann nachsitzen.

Also Arbeit, Arbeit, Arbeit.

Und der Vormittag ist schnell vorbei.

13 Uhr, Mittagessen

Ein paar kleinere Ausfälle, ein kleiner Sturz, etwas Unpässlichkeit etc. sind unter den Jugendlichen auch zu verzeichnen, aber insgesamt ist Ehrgeiz zu erkennen.

„Wir treffen uns gleich und machen noch den Rest fertig“ ist wohl die gerade am häufigsten vertretene Einstellung.

„At three there will be the presentations“

Also um drei.

15.00 Uhr

Bei unserem Eintreffen hat die Saalbestuhlung die Form eines Hörsaales mit Bühne. Der Beamer und die Tonanlage sind bereit.

  1. Kuba-Krisis

Im Form eines Comics und eines ergänzenden Rollenspiels geht es um ein weltgeschichtliches Ereignis und seine besondere Problematik.

Der Schwerpunkt liegt auf der Bewertung des Konfliktes und der Möglichkeiten von Konfliktlösung. Einzelheiten sind gefragt. Es muss Geduld gekostet haben, diese zu erarbeiten und aufzubereiten.

And about bad english. You remember my comment in the beginning? The English is much better than it seemed in the beginning.

  1. EU-History

Ein Film ist entstanden, den die Jugendlichen hier vor Ort gedreht haben und den wir jetzt sehen können. Den wir sehen KÖNNTEN, wenn die Technik funktionierte. Es kommt zu einer kleinen Unterbrechung.

Das Schloss von Kreisau wird umspielt, wir hören eine verpopte Fassung der Europahymne.

„The late morning show in the afternoon“ – eine ‚heiteres Spiel‘ hätten wir das zur Zeit von Kuhlenkampf genannt, was jetzt zu sehen ist. Es ähnelt aber wohl eher dem, was die Jugendlichen an Unterhaltung aus dem Netz filtern.

Probleme der EU und in einzelnen Staaten der Staatengemeinschaft sind Thema. Ich verstehe nicht alles; liegt‘s an meinen eingeschränkten Sprachkenntnissen oder an denen der Jugendlichen? Die Botschaften sind dennoch erkennbar. Der Fun-Factor hat aber wohl sehr ausgepägt.

  1. Refugees since 1946

Es erklingt Musik und eine Moderatorin spricht erklärende Worte. In der rechten Bühnenhälfte beginnt eine begleitende Pantomime. Text und Schauspiel ergänzen einander. Gewaltsame Vertreibung ist das Thema und die Jugendlichen bemühen sich, die Unbarmherzigkeit und Kompromisslosigkeit der Ereignisse zu bebildern. Dieser Teil endet.

Und ich bin überrascht: es schließt sich ein „Quizz“ an, der interaktiv von vier miteinander konkurrierenden Teams über Smartphones ausgeführt wird und wo Fragen, Aufgaben und die Lösungen der Mitspielenden Parteien – vorher eingeteilt – über den Beamer für alle sichtbar sind. Nicht schlecht gemacht und überraschend erfolgreich: Infotainment der besseren Sorte.

  1. The iron curtain, reality, consequences

Eine Landkarte Westeuropas von der Qualität der ehemaligen schulischen Wandkarten entfaltet ihre Wirkung. Anschaulichkeit ist nach wie vor das Prinzip, das wirkt.

Auswirkungen des Eisernen Vorhangs, die Trennung zwischen West und Ost findet ihre Umsetzung in einem Rollenspiel. Widersprüche werden leicht erkennbar. Natürlich schwebt über allem auch die Gefahr der zu starken Vereinfachung und Verkürzung der Sachverhalte, aber so ist das nun einmal mit der Aufbereitung komplexer Zusammenhänge.

Mehrere Anspiele oder Einspielungen in der Form von Rollenspielen ergänzen die Ausführungen und bebildern sie lebendig.

  1. Propaganda

Wir müssen raus in den „Propaganda-Bunker“. Uns erwartet ein abgedunkelter Raum, durch den wir mit Taschenlampen geführt werden in kleinen Gruppen. An einzelnen Stationen, Plakaten, Bildern gibt es Erläuterungen und wir erfahren sehr viel über die subtilen Mechanismen der Propaganda im Kampf der Systeme gegeneinander. Ergänzt wird alles durch einen kurzen Film-Trailer und wir sind alle positiv beeindruckt von der Vielfalt und der Art der Präsentation.

Paffeekause! Bis 17.10 Uhr haben wir frei.

17.10 Uhr Ein erster Rückblick

Wieder sitzen wir alle im Kreis und es folgt, wie nach einer bekannten Liturgie, die Äußerung jedes und jeder Einzelnen zu den vergangenen Tagen.

Die Methode ist vielleicht ermüdend und bekannt, aber wenn Aussagen kommen „I learned a lot about german youth“ oder „There’s realy no difference between us“, dann hat sich auch dieser Abschnitt wieder gelohnt. Die Jugendlichen betonen, dass die workshops wirklich gut waren und dass die eigene Herkunft bei der Zusammenarbeit wirklich keine Rolle gespielt hat. Wieder ein Ziel erreicht!

Und wir hören, dass es unseren Jugendlichen gut getan hat, die Sprachbarriere zu ignorieren und die Hemmungen zu überwinden. Agnieszka, unsere „Chefin“ bringt es auf ihre Weise wunderbar auf den Punkt „You have to leave your comfort-zone to be successful.“ Und das teile ich nun voll und ganz. Denn es gilt natürlich für jeden von uns.

Und schriftlich sollen wir noch etwas geben; die Methode ist auch bekannt, aber es stehen auf den Zetteln wirklich gute, interessierte, offene Fragen und Möglichkeit zu antworten.

Jetzt ist erst mal Abendessen. Die Zeit rast immer noch dahin. Und dann kommt unser Abschlusstreffen, bevor ‚die Kinder abzappeln‘ dürfen. Tanzen ist noch angesagt.

20 Uhr

Wir treffen uns im großen Saal, der die Tage über das Zentrum unserer Aktivitäten gewesen ist. Wieder stehen alle Stühle im Kreis und die Teamer, die in den vergangenen Tagen die Arbeitsgruppen angeleitet haben, stehen im Kreis um unsere Chefin Agnieszka.

Es erklingt Musik und alle Jugendlichen werden aufgerufen um den Beleg für ihre Teilnahme in Form einer Urkunde im Empfang zu nehmen.

Dann kommt noch ein letztes „Spiel“: alle befestigen sich einen großen Zettel auf dem Rücken und alle haben die Gelegenheit, dort den Besitzerinnen und Besitzern dieses Zettels eine Botschaft aufzuschreiben „Stay like you are“ – „has been great to meet you“ …

Das dauert und ist wirklich sehr witzig, weil sich ganze Menschenketten bilden.

Musik in der Sporthalle zum Tanzen.

Die Nacht wird lang, uns Erwachsene sperrt man um 22 Uhr aus dem Kneipen-Café aus, wo wir noch gestern in der Runde von Teamern und Lehrkräften zusammengesessen hatten. Hier ist eindeutig Entwicklungsbedarf, denn mein Zimmer hat, wie alle anderen in diesem Gebäudeteil auch, eindeutig eine Umgestaltung dringend nötig.

Die Nacht IST lang.

Ausblick: Abreise morgen um 9.

Vorher die Koffer packen und die Zimmer räumen, frühstücken.

Donnerstag, 21. Februar (Abreisetag)

6:20 Uhr

Hähne können schon sehr, sehr ausdauernd krähen. Das ist hier zwar vertraute akustische Kulisse, aber zu Hause treten sie jedenfalls nicht in diesen Rudeln auf.

8 Uhr Frühstück

Viel ist gar nicht mehr zu sagen. Das Frühstück schmeckt, wir machen uns Lunch-Pakete, räumen die Zimmer und schon ist der Bus da. Abschied nehmen von Haus, Partnern, Teamern, Kolleginnen, Freunden.
„Unser Bus“ mit „unserem Busfahrer“ Grzegorz ist wieder da und um 9.32 Uhr Rollen wir vom Hof.
Wer den manchmal etwas zersiedelten Raum des Rheinlandes rund um Köln kennt, der weiß, wovon ich spreche, wenn ich die Aussicht aus den Busfenstern mit diesem Vergleich beschreibe. Vielleicht etwas zu viele verfallene, große landwirtschaftliche Gehöfte hier mit ehemals stolzen Herrenhäusern. Jedenfalls deutlich zu viele sozialistische Wohnriegel am Eingang der Städte und Dörfer.
Als wir nach einer knappen Stunde auf der Autobahn Richtung Nordwesten, Richtung Berlin sind, haben wir schon fast das Gefühl, die Grenze sei zum Greifen nahe.
Gegen halb zwölf wieder über die Neiße, dann auf Berlin zu.
Es fängt an zu regnen.
Ein paar Raste, mal Ruhe im Bus, mal ausgelassene Gesprächigkeit. Es wird Dunkel – und wir kommen nach Lübeck.
Viele Eindrücke, weit weg, eine gute Reise!

A. Hegge