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Was macht eigentlich… Herr Schmittinger? – Ein Treffen mit dem Ex

Am 31. Januar 2018 ging unser langjähriger Schulleiter Thomas Schmittinger in den Ruhestand und wurde von der gesamten Schulgemeinschaft feierlich gewürdigt und verabschiedet. Nun, da fast ein Jahr vergangen ist, interessierte es uns sehr, was Herr Schmittinger in der Zwischenzeit so alles gemacht hat, wie es ihm geht, ob er uns vermisst, was er für weitere Pläne hat und was er so über diverse Dinge so denkt. Unsere Interviewanfrage hat Herr Schmittinger gerne angenommen und uns zu einem Gespräch zu sich eingeladen. Wir wünschen allen viel Freude mit unseren Fragen und seinen Antworten!


Vermissen Sie das Katharineum, wenn ja, was vermissen Sie am meisten?

Oh ja, das ist eine gute Frage. Ich bin gerne am Katharineum gewesen und hatte das Privileg zu entscheiden, wann ich aufhören will, um noch viele andere Dinge umsetzen zu können. Ich empfand meinen letzten Tag am Katharineum als ein riesengroßes Geschenk von der Schulgemeinschaft. Ich bin aus diesem besonderen Haus so herausgegangen, dass ich dachte, es war eine reiche Zeit mit allen Schwierigkeiten, mit allen tollen Erlebnissen und mit einer besonderen Aufgabe, die ich hatte; mit fantastischen Menschen. Ich bleibe dem Haus verbunden; aber jetzt bin ich in einer neuen Lebenssituation. Ich treffe Menschen vom Katharineum, halte weiterhin Kontakt zu einzelnen Personen, ich gehe zum Beispiel zum Adventscafé mit den Pensionären, wenn ich eingeladen werde. Aber das Leben hat jetzt ganz andere Schwerpunkte.

Gäbe es ein Schulfach, das Sie neu einführen würden?

Ich habe empfunden, dass jedes Fach in der Schule wichtig ist, gleich wichtig, und von daher gibt es immer Diskussionen, ob man noch zum Beispiel ein Medienfach oder Ähnliches einführt. Ich finde aber, dass der Fächerkanon, der zurzeit besteht, alle Bereiche, die für eine gute Bildung notwendig sind, hinreichend abdeckt. Von daher habe ich überhaupt nicht den Gedanken, noch ein Fach einzuführen.

Was macht für Sie das Katharineum besonders?

Für mich war das große Engagement und die hohe Identifikation mit der Schule von allen Seiten etwas Besonderes. Außerdem wurde der Versuch, eine lebendige Schule zu sein, gelebt. Ich sage bewusst, „den Versuch zu leben“, weil es immer ein Prozess ist, der nicht feststeht, sondern immer wieder gelebt und erlebt werden muss. Und außerdem ist das Katharineum als Gebäude faszinierend, einzigartig.

Sie haben Physik, Religion und Mathe studiert, steht das nicht in einem Widerspruch?

Die großen Naturwissenschaftler der letzten Jahrhunderte waren immer auch Menschen, die sich mit Fragen zur Schöpfung oder theologischen und philosophischen Themen beschäftigt haben. Von daher ist das Betrachten von Natur nur das Betrachten von dem, was um einen herum passiert, und die Entdeckung von Gesetzmäßigkeiten und Phänomenen ist im Grunde immer so etwas Wunderbares, dass es einen immer wieder zu tiefer gehenden Fragen führt, sodass die theologische Frage sich auch hieraus ergibt. Die Fächer stehen sich also nicht widersprüchlich gegenüber, sondern beschreiben die Wirklichkeit aus verschiedenen Perspektiven.

Über welche Wege sind Sie an das Katharineum gekommen?

Ich habe mir früher vorgenommen, maximal sieben Jahre in einem System zu arbeiten. Ich habe an vielen Studienorten studiert, zum Beispiel an der technischen Universität Darmstadt, Universität Bonn, als Gasthörer in Hamburg, war als Referendar in Leverkusen. Also erlebte ich verschiedenste Orte und erhielt hier neue Impulse, bin schließlich nach Schleswig-Holstein gekommen und habe hier fast alle Schularten kennengelernt. Zuerst gehörte damals eins der  modernsten Gymnasien in Schleswig Holsteins mit einem Kollegium mit dem  Altersdurchschnitt von 38 Jahren dazu. Es war im Aufbau, sowohl bezüglich des Gebäudes als auch der Ausstattung.
Nach sechs Jahren wechselte ich in die Ernestinenschule nach Lübeck, eine ganz andere Schule mit Tradition. Auch interessant, einfach, weil man in Schule mit Menschen zusammenarbeitet, mit Lehrern, Eltern und Schülern. Deshalb ist es nie langweilig, sowohl mit allen schönen Seiten als auch mit allen Konflikten. Einige Jahre habe ich auch im Gesamtschul- und Hauptschulbereich gearbeitet. So lernte ich die verschiedensten Schülerinnen und Schüler mit den unterschiedlichsten  Begabungspotenzialen kennen und wurde an der Ernestinenschule stellvertretender Schulleiter. Und dann sprach man mich an, ob ich mich am Katharineum als Schulleiter bewerben wolle. Daraufhin habe ich erst gezögert und zunächst eine Bergwanderung in Norwegen gemacht, um darüber nachzudenken, ob ich dies wirklich will. Glücklicherweise habe ich mich dafür entschieden. (lacht) Damit will ich sagen, dass es überhaupt nicht den EINEN Weg gab, DAS muss es sein, da will ich landen. Vielmehr passierte alles situativ, aber doch mit einer gewissen Richtung: die Arbeit mit Menschen sollte es sein, nicht Arbeit in der Forschung, die nach Erfahrungen im Institut für Kern- und Strahlenphysik in Bonn auch möglich gewesen wäre.
Dabei wurde mir klar, dass ich nicht in die Forschung, sondern eher in die pädagogische Arbeit mit den Fächern Mathematik, Physik und Theologie gehen will.

Was vermissen Sie am meisten aus ihrer Heimat oder empfinden sie Norddeutschland als ihre neue Heimat?

Meine Heimat ist Lübeck. Seit 1981 leben meine Frau und ich hier. Ursprünglich stamme ich aus dem Hunsrück, diese Region wird kaum einer der Katharineer kennen (lacht). Rheinland-Pfalz, das ist eine Region, die man normalerweise zum Studium und ggf. einer weiteren Ausbildung, verlässt. Ich bin hier in Norddeutschland gelandet und darüber bin ich sehr froh. Mir fehlt das Mittelgebirge nicht, ich schätze es hier sehr. Vor allem Mecklenburg nach der Grenzöffnung und Ostholstein. Besonders die wassernahen Gegenden, an der Wakenitz, am Ratzeburger See, an der Trave und der Müritz.

Wie hat sich ihr Leben nach der Pensionierung verändert?

Was konstant geblieben ist, ist dass anscheinend 24 Stunden am Tag immer noch zu wenig sind, nach meinem Empfinden. Ich habe mehr Zeit für Dinge, die ich tun möchte und immer mal tun wollte. Ich kann mir den Luxus erlauben, einmal in der Woche Klarinettenunterricht zu nehmen, habe endlich Zeit zu üben. Mit Menschen mehr Zeit zu haben, zu reden, zu kochen, meinen Hobbies nachzugehen; den Haushalt komplett zu übernehmen, damit meine Frau, die noch arbeitet, mehr Freiräume hat. Ich kann Aktivitäten von bestimmten Projekten unterstützen. Ich bin jetzt in der Lage in einigen Vereinen, auch in Vorständen tätig zu sein. Ich betreue Jugendliche, die für ein Jahr nach Deutschland kommen, zur Zeit drei Schüler/innen, aus der Schweiz, aus Frankreich und aus Kolumbien; bzw. vermittele einjährige Auslandsaufenthalte für Jugendliche über Rotary International. Das sind Aktivitäten, für die ich nun Möglichkeiten und Zeit habe. Ich habe nun auch endlich Zeit viele Bücher zu lesen, letzte Nacht habe ich bis halb zwei gelesen. Dies konnte ich mir sonst überhaupt nicht leisten.

Haben Sie jetzt Zeit etwas zu tun, was Sie schon immer machen wollten?

Auf jeden Fall, also beispielsweise Musik zu machen, zu lesen, mehr über bestimmte Dinge mit anderen Menschen zu kommunizieren, sich auszutauschen, wofür früher nicht genug Zeit da war. Kürzlich war ich bei der Blumenberg-Film-Premiere, bei der ich mich mit dem Regisseur und einem der beteiligten Philosophen in der Schiffergesellschaft getroffen habe. Blumenberg, als ehemaliger Schüler des Katharineums, hatte mich seit vielen Jahren schon sehr interessiert.
Der Terminkalender ist anders bunt geworden. Ich hatte jetzt Zeit tausend Kilometer Fahrrad zu fahren, die Donau entlang, von den Alpen bis an die Adria, den Neckar vom Schwarzwald bis nach Heidelberg, über die Seitentäler; hundert Kilometer mit meiner Frau auf der Havel über 19 Seen zu paddeln und noch in Norwegen zu wandern. Diese Zeit hätte ich sonst nicht gehabt. Und ich plane 2019 auch noch eine Israelfahrt mit Erwachsenen durchzuführen.

Manche Frauen haben Angst, wenn ihre Männer in Rente gehen, wie hat Ihre reagiert?

An dieser Stelle muss ich vielleicht weiter ausholen. Ich habe vor wenigen Wochen das erste Mal „Pappa ante portas“ gesehen. Da ist jemand, der im Management gearbeitet hat. Ihm wird gesagt, dass er aufhören soll, zu arbeiten und diese Entscheidung kann er nicht selbst treffen. Also muss er gehen, ist vollkommen aus dem Leben gefallen und nervt nun zu Hause die Familie.
Es ist, wie ich schon anfangs erwähnte, ein Privileg, dass ich selbst entscheiden konnte, wann ich in den Ruhestand gehen wollte. Für meine Frau ist es eine Entlastung. Das gesamte Management bezüglich des Haushaltes und Alltagsaufgaben kannte ich schon, denn als die Kinder klein waren, habe ich auch reduziert gearbeitet.

Was machen Sie heute in der Tageszeit, in der Sie eigentlich in der Schule gearbeitet hätten?

(überlegt) Naja, was mache ich da? Das sind verschiedene Sachen. Schreiben, Sitzungen, Besuche, Haushalt; das ist alles. Ich könnte jetzt meinen Terminkalender zeigen, morgen früh bin ich zum Beispiel, wegen einer Funktion, die ich habe, bei einem Rechtsanwalt, in einer Sitzung. Was habe ich denn noch? (überlegt) Morgen Mittag habe ich ein Treffen, dann morgen Abend eine Vorbereitung für ein Jugendcamp, also für Jugendliche aus 15 Ländern, die nächstes Jahr im Sommer kommen; auch ein Feedback dazu, wie das Camp in diesem Jahr war.
Ich habe mehr Zeit, die ich selbst einteile und ich habe mir vorgenommen, mir im ersten Jahr keine Termine reinsetzen zu lassen; das mache ich selbst, wenn es möglich ist. Und, was ich festgestellt habe: eine gewisse Zeit lang habe ich gar keinen Terminkalender geführt, dabei passierte es mir zweimal, dass drei Termine gleichzeitig lagen. Dann habe ich gemerkt, dass das weder für mich noch für die Leute funktioniert (lacht). Ich hab so viel Zeit, das ist kein Problem – das ist nicht so. Man hat nur 24 Stunden.

Wenn Sie ein Bildungssystem entwerfen dürften, wie würde dies aussehen?

Zunächst einmal, wenn ich unseres mit anderen Bildungssystemen in Europa vergleiche, mit Amerika, Neuseeland und Australien, bin ich froh, dass ich in diesem Bildungssystem gearbeitet habe.
Zweitens wünsche ich mir, dass die gesamte Ausstattungsthematik verschwindet, dass man einen Standard wie in der Wirtschaft hat. Also wie im Betrieb bzw. einem Büro der „Erwachsenenwelt“. Und dann wünschte ich, dass der Personalschlüssel zwischen Lehrkräften und Schüler/innen verbessert würde. 1995 reichte die Personalversorgung in der Oberstufe bei einer Kursgröße von ungefähr 15 Schüler/innen, heute liegt dieser Zahl bei 22,5. Die Personalressourcen sind für mich eine sehr zentrale Frage, die müssen wieder verbessert werden.
Bei der Ausstattung: die IT-Geschichte muss verbessert werden, aber das ist nicht entscheidend, sondern entscheidend ist eine sehr gute Qualifizierung der Lehrkräfte, dass sie auf angemessene und sinnvolle Weise, ohne die Technik zu überschätzen, damit sinnvoll umgehen können.
Das Wichtigste bleibt für mich eine gute Interaktion der Lehrkräfte mit den Kindern und Jugendlichen. Dass die Frage der Heterogenität, also der Unterschiedlichkeit von Begabungen, nicht tabuisiert wird, sondern versucht wird, dem Begabungspotential der einzelnen Schüler gerecht zu werden und hiermit durch eine Frühförderung benachteiligten Kindern bessere Chancen zu ermöglichen.

Wenn Sie in ein Land auswandern würden, welches wäre das? Und warum?

Es gab einmal das Traumland, das war Norwegen. Das Land ist zwar schön, von der Landschaft her, aber für mich als politisches Modell und als pädagogisches Modell überhaupt nicht attraktiv, sodass also die mögliche Heimat Norwegen für mich nicht mehr besteht. Und wenn ich vergleiche, egal in welchen Ländern ich war, bin ich dankbar in Deutschland zu leben. Ich genieße die Touren, ins Ausland und auch innerhalb von Deutschland. Ich werde bald den ganzen Main entlangfahren, von Bayreuth über Bamberg und Würzburg, usw.. Ich genieße und schätze es, dieses Land noch mehr zu entdecken und den Reichtum, vom Elbsandsteingebirge bis nach Sylt; oder von Freiburg vom Schwarzwald bis nach Usedom und Rügen; einfach diese Vielfalt von Kultur, von Landschaften und auch Unterschiedlichkeit von Menschen zu erleben.

Was war das beste Buch/Film, das/den sie in diesem Jahr gesehen/gelesen haben?

Für mich ist einer der besten Filme der Blumenberg-Film „Hans Blumenberg, der unsichtbare Philosoph“, den sich jeder Schüler und alle Eltern anschauen sollten. Hans Blumenberg war einer der bedeutendsten Philosophen der Nachkriegszeit, ist Katharineer gewesen und hat als bester Abiturient die Schule verlassen. 1939 hat er die Abiturrede nicht halten dürfen, weil er nach NS-Rassengesetzen Halbjude war. Er „durfte“ nicht in den Krieg, die Firma Dräger hat ihn geschützt, sodass er dort als Arbeiter unabkömmlich war. Danach kam er in ein Lager, ist untergetaucht und hat sich die letzten Monate hier in Lübeck in einem Dachzimmer versteckt, bis er dann die Befreiung 1945 erlebt hat. Dieser Film ist einfach beeindruckend. Ich habe dieses Jahr so viel erlebt und ich habe eine Vielzahl von Büchern, die ich alle noch lesen möchte und kann. Gelesen habe ich z.B. von Thea Dorn, „Deutsch, nicht dumpf“. Sie ist Philosophin und versucht in diesem Buch deutlich zu machen, dass wir ein normales Verhältnis zu unserer Nationalität bekommen sollten. Ein weiteres Buch hat mich berührt: „Das Lächeln meines unsichtbaren Vaters“. Es beschreibt die Zerrissenheit, die man in Israel erleben kann. Das ist einfach ein Spitzenbuch. Und es gibt noch tausend andere Bücher, die ich noch lesen möchte.

Wie oft besuchen Sie unsere Website?

Wenig. Das letzte Mal habe ich sie wegen der Termine angeschaut. Ich hatte nach dem Basar gesehen und den Terminen der Konzerte. Aber natürlich bin ich auch interessiert, wie es weitergeht. Ich habe weiterhin einen sehr freundschaftlichen und guten Kontakt zur Schule und man weiß, wenn man Fragen hat, kann man sich an mich wenden. Sonst ist die Grundregel, wie wir am Anfang gesagt haben, dass das ein wunderbarer Abschied war, ein riesengroßes Geschenk, in jeder Beziehung, und alles seine Zeit hat. Das ist für mich der zentrale Satz. Aber jetzt noch einmal zur Homepage: Ich finde sie gelungen, wirklich. Also, ich habe jetzt dieses Herbstblatt mit den Herbstferien gesehen. Das ist ja eine Kleinigkeit, aber eben doch keine Kleinigkeit. Da schreibt man nicht: Wir wünschen euch schöne Ferien, sondern man nimmt noch ein Bild dazu, das richtig leuchtet, das richtig Power hat. Ich finde, dass die Homepage sehr gelungen und lebendig geworden ist. Sie war vorher auch nicht schlecht, für den damaligen Stand war sie sehr gut, aber diese Erneuerung jetzt hat ihr einen richtigen Schub nach vorne gebracht und es macht auch sicher Spaß, oder?

Ja!

Zum Ende unseres Interviews möchten wir Ihnen immer zwei kontrastive Begriffe nennen, von denen Sie sich immer einen Begriff spontan aussuchen dürfen.

Berge oder Meer?

Das ist ja fies! Da gebe ich die Antwort: In Norwegen kann man es nicht trennen.

Ostsee oder Nordsee?

Ostsee

Saumagen oder Matjes?

Saumagen

Bach oder Beatles?

Cross over

Literatur oder Sachbuch?

Sachbuch

Krimi oder Romanze?

Romanze

Kaffee oder Tee?

Tee

Loriot oder Otto?

Loriot

Brief oder E-Mail?

E-Mail

Rheinland-Pfalz oder Schleswig-Holstein?

Ganz klar Schleswig-Holstein

Caesar oder Cicero?

Cicero

Kino oder Fernsehen?

Fernsehen

Zeitung: online oder gedruckt?

Online

Fußball oder Handball?

Fußball

Winter oder Sommer?

Sommer

Religion oder Physik?

Ohh, das ist ja auch… Wie kann ich denn da eine Verbindung schaffen?

Kann man nicht trennen.

Herzlichen Dank für das Interview!