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Fassade im Herbst (Slider)
Kreuzgang
Pixabay

Zeitzeuge zu Besuch

Am 07.05.2018 besuchte Lothar Kompatzki die Klasse Ea, das Musik– und Englischprofil unserer Oberstufe, im Rahmen des Geschichtsunterrichts.

Herr Kompatzki geht im Kreis herum und begrüßt jeden mit einem Handschlag. „Wie beim Sport“, sagt er. Er erklärt weiter, er werde uns alle duzen, um eine angenehme Atmosphäre zu schaffen. Dann beginnt er mit seiner Geschichte.

Herr Kompatzki wurde während der Zeit der Weimarer Republik geboren. Er erlebte den Anfang und das Ende des 2. Weltkriegs. Auch bei der folgenden Trennung zwischen West- und Ostdeutschland und speziell beim Bau der Berliner Mauer war er hautnah dabei. Davon erzählte er uns.

1957. Herr Kompatzki war Regisseur und hatte gerade seinen ersten eigenen Dokumentarfilm „Berlin 9:37“ gedreht. Er hatte über die Situation und das Leben an der Grenze zwischen Ost und Westdeutschland berichtet. Nun (1961) sollte ein zweiter Film „Berlin 21:37“ folgen, der die Veränderungen bis dahin zeigte. Doch dann kam die Mauer.

Am Sonntagmorgen erreichte Herrn Kompatzki die Nachricht. Sofort fuhren er und ein Kamerateam zur Mauer. Unter immensem Zeitdruck gelang es ihm und seinem Team, das Filmmaterial für Berlin „21:37“ zu einem neuen Film „So war es gestern Abend noch“ zusammenzuschneiden. Dieser wurde noch am ersten Tag des Mauerbaus ausgestrahlt.

Danach filmte sein Team fast täglich den Bau der Mauer. Sie halfen sogar einem Grenzsoldaten aus der DDR nach Westdeutschland zu fliehen. Aus diesem Filmmaterial entstand ein neuer Film namens „Stacheldraht“, der den Bau der Berliner Mauer dokumentierte. Danach konnte Herr Kompatzki über 28 Jahre lang nicht nach Ostdeutschland reisen.

Besonders eindrucksvoll beschreibt Herr Kompatzki das Gefühl des Eingesperrtseins in Westberlin. „Man konnte keine 100m in eine Richtung fahren, man stieß immer auf die Mauer“, berichtet er. Obwohl er durch seine Arbeit als Regisseur durchaus nach Hamburg oder sogar Amerika reisen konnte, waren die Fahrten durch das Gebiet der DDR oft Schikane für ihn und seine Familie.

Als die Mauer endlich fiel, bewertete Lothar Kompatzki gerade als Mitglied der Jury einen Film in einem Kino. Kurz bevor der Film startete, rief ihn seine Frau an und erzählte ihm von Schabowskis Versprecher bei der Pressekonferenz. Herr Kompatzki wollte ihr nicht glauben und auch die Kinobesucher, denen er davon erzählte, lachten ihn zunächst aus. Doch als der Film vorbei war und die Türen des Kinosaals sich öffneten, fuhren bereits die ersten Trabbis durch die Straßen Westberlins.

Die Gefühle nach dem Fall der Mauer beschreibt Lothars Tochter Anuschka Kompatzki eindrucksvoll. „Es war einfach Euphorie pur. Stell dir das tollste Silvesterfest, 18. Geburtstagsparty, Abifeier vor… Es war unglaublich.“ Als Anuschka Kompatzki am nächsten Tag zur Schule kam, schickten die Lehrer sie fort. „Heute ist kein Tag, um in der Schule zu sein.“, sagten sie. Zusammen mit vielen anderen brachen auch Lothar und seine Familie Stücke aus der Mauer. Diese Überreste zeigte er uns.

Lothar Kompatzki erzählte uns auch, dass er sich nie groß für Geschichte interessiert habe. Er sei von Geschichte umgeben gewesen, ohne es überhaupt gemerkt zu haben. Trotzdem hat die Geschichte für ihn heute eine Bedeutung. Er rät uns noch allen Menschen und Situationen offen zu begegnen.

Für mich war es unglaublich spannend Details aus Herrn Kompatzkis ereignisreichem Leben zu hören. So lebendig hat sich Geschichte noch nie angefühlt. Auch die gemütliche Atmosphäre und die Tatsache, dass wir Herrn Kompatzki Fragen stellen durften, machten die Begegnung besonders interessant. Allein, dass vor uns ein Mensch saß, der die Geschichte, die wir heute in Büchern lesen, tatsächlich erlebt hat, macht sie für mich realer. Es war auf jeden Fall eine lehrreiche Doppelstunde.

Luise Pohlmann  (Ea)